Baden-Württemberg und Russland

Herausragende Persönlichkeiten:

Großfürstin Maria Fjodorowna

Eine der schillerndsten Persönlichkeiten der dynastischen Beziehungen zwischen Württemberg und dem Russischen Zarenreich ist die russische Zarin Maria Fjodorowna, die 1959 in Stettin als Prinzessin Sophie Dorothee von Württemberg geboren wurde. Als Katharina die Große, die selbst deutscher Abstammung war, 1772 nach einer passenden Braut für Ihren Sohn, Paul I, suchen ließ, wünschte sie sich eine Prinzessin aus einem deutschen Fürstenhaus. Nach dem frühen Tod der ersten Kandidatin, Wilhelmina Luisa von Hessen-Darmstadt, wurde Prinzessin Sophie 1776 mit Paul I. auf Wunsch von Katharina der Großen und Friedrich des Großen verlobt. Sophie Dorothee trat vor ihrer Vermählung vom lutherischen zum orthodoxen Glauben über und nahm den Namen Maria Fjodorowna an. Ihre Hochzeit fand am 7. Oktober 1776 in Sankt Petersburg statt und sie wurde zu einer russischen Großfürstin. Zur Hochzeit bekam das frischvermählte Paar Schloss Pawlows, welches das Schloss Hohenheim bei Stuttgart zum Vorbild hatte. Ihre Brüder Wilhelm und Karl übernahmen in Russland bedeutende Ämter in Armee und Verwaltung und unterstützten dadurch die Stellung Maria Fjodorownas in ihrer neuen Heimat.

Ab September 1781 tourten der Zarewitsch und seine Gemahlin 14 Monate lang unter dem Pseudonym Graf und Gräfin Severny durch Westeuropa. Die Reise führte das Paar nach Polen, Österreich, Italien, Frankreich, Holland, Schweiz und Deutschland, wo Maria Fjodorowna in Stuttgart ihre Eltern besuchte.

Aus der Ehe gingen zehn Kinder hervor, wovon 9 das Erwachsenenalter erreichten. Auch als Kaiserin sah sich Maria Fjodorowna den Wohlfahrtseinrichtungen verantwortlich und wurde oberste Unterstützerin der Hospitäler, Armenküchen, Waisenhäuser und anderer für die zahllosen Notleidenden gedachten Einrichtungen. Zudem förderte sie das Musik- und Kulturleben Russlands. Gegen das autokratische Regime von ihrem Mann formte sich über Jahre ein Widerstand. Im März 1801 wurde Paul bei einer Palastrevolte ermordet. Sie selbst starb 1828 im Alter von 69 Jahren.

 

Königin Katharina Pawlowna von Württemberg

Katharina Pawlowna Romanowa, Großfürstin von Russland, wurde am 21. Mai 1788 in Zarskoe Selo bei St. Petersburg geboren. Die Tochter von Maria Fjodorowna und des Zaren Paul I. gilt bis heute als eine der mit Abstand populärsten und prägendsten Persönlichkeiten adliger Abstammung, die eine bedeutsame Spur in der württembergischen Geschichte hinterlassen hat.

Nachdem sie einen Antrag von Napoleon abgelehnt hatte, heirate sie 1809 Prinz Georg von Holstein- Oldenburg und zog mit ihm nach Twer. Mit ihm führte sie eine glückliche Ehe und bekam zwei Söhne. Leider steckte sich ihr Mann nur wenige Jahre nach ihrer Hochzeit mit Typhus an und starb im Jahr 1812. Sein Tod stürzte Katharina Pawlowna in eine tiefe Krise. Ihre Trauerkleider trug sie bis zum endgültigen Triumph über Napoleon im März 1814. Auf dem anschließenden Wiener Kongress traf sie ihren Cousin, den Kronprinz Wilhelm von Württemberg und heiratete ihn im Jahr 1816, nachdem ihre Pläne, den Erzherzog Karl von Österreich zu heiraten gescheitert waren. Für Württemberg wiederum war diese Verbindung zum Zarenreich eine willkommene Verbesserung und Stabilisierung der Verhältnisse zu den ehemaligen Gegnern Russland, Österreich und Preußen, denn das Königreich stand eine Zeit über auf der Seite Napoleons. Zudem war Katharina die vermögende Lieblingsschwester des Zaren, die dadurch eine gute Partie für Württemberg zu sein versprach. Katharina selbst hoffte durch die Heirat eines Tages zur deutschen Kaiserkrone zu gelangen. Entsprechend war die zweite russisch-württembergische Verbindung zwar auf gegenseitiger Sympathie, aber wie im Adel üblich auch auf gegenseitigen strategischen Überlegungen basiert.

Als Katharina zur Königin Württembergs wurde, befand sich das Königreich durch Kriege und Missernten in einer akuten Notlage, weshalb viele Bürger ausgewandert sind. Innerhalb von kürzester Zeit entwickelte sich die Großfürstin zu einer Sozialpolitikerin und widmete sich der Verbesserung der Lebensverhältnisse ihres Volkes nach dem Vorbild ihrer Mutter, Großfürstin Maria Fjodorowna. Ihr Vorgehen unterschied sich jedoch vor allem darin, dass sie nicht lediglich ihre privaten Mittel spendete, sondern auch Konzepte für den Selbsterhalt der bedürftigen Institutionen gemeinsam mit der Regierung ihres Mannes entwarf. Entsprechend arbeitete sie durch Gründung des „Zentralen Wohltätigkeitsvereins“ gemeinsam mit bürgerlichen Männern und Frauen an der Linderung der Not, ganz nach dem Motto „Hilfe zur Selbsthilfe“.

Zahlreiche Institutionen, die bis heute existieren, gehen auf sie zurück, beispielsweise:

  • das Katharinenstift
  • das Katharinenhospital in Stuttgart
  • die Württembergische Landessparkasse
  • die erste Schule für Landwirtschaft, die heute die Universität von Hohenheim ist
  • das Cannstatter Volksfest am Cannstatter Wasen als Erntedankfest für Bedürftige
  • das Wohlfahrtswerk für Baden-Württemberg

Die Königin verstarb überraschend im Jahr 1819, nach dem sie sich auf dem Weg nach Scharnhausen erkältet hatte. Die dokumentierte Ursache für ihren plötzlichen Tod war dabei eine Gesichtsrose und ein tödlicher Schlaganfall. König Wilhelm I. war tief erschüttert und ließ seiner Frau auf dem Württemberg bei Stuttgart eine Grabkapelle errichten, in der sie 1824 beigesetzt wurde. Auf seinem Portal steht geschrieben: „Die Liebe höret nimmer auf“.

Königin Olga von Württemberg

Königin Olga von Württemberg wurde 1822 in Sankt Petersburg als drittes Kind von Zar Nikolaus I. und seiner Ehefrau Charlotte von Preußen, die als Zarin den Namen Alexandra Fjodorowna annahm, in Sankt Petersburg geboren. Sie war Urenkelin von Katharina der Großen und Enkelin von Großfürstin

und späteren Zarin Maria Fjodorowna. Nach vielen abgelehnten Heiratsanträgen entschied sie sich 1846 für den Kronprinz Karl von Württemberg, einem Großneffen ihrer Großmutter Kaiserin Maria Fjodorowna. Olgas Schwiegervater König Wilhelm I. erhoffte sich durch die Ehe seines Sohnes Karl mit Olga eine Erneuerung der dynastischen und politischen Verbindung zwischen Württemberg und Russland, die bereits durch die Ehe seiner Tante Zarin Maria Fjodorowna begonnen und durch seine eigene Ehe mit Katharina Pawlowna fortgeführt worden war.
Auch Olga widmete sich recht schnell vielen sozialen Aufgaben im Königreich. Dabei bestätigte sie bestehende und gründete neue soziale Einrichtungen, kümmerte sich um die Versorgung Behinderter und Kriegsverwundeter sowie um die Bildung und Erziehung von Mädchen.
Zahlreiche Institutionen, die bis heute existieren, gehen auf sie zurück, beispielsweise:

  • Olgahospital Stuttgart („Olgäle“), das bis heute als eines der größten Kinderkrankenhäuser Deutschlands junge Patienten pflegt und behandelt;
  • Karl-Olga-Krankenhaus, benannt nach dem königlichen Gründerpaar; „Olgaschwestern“ sind bis heute berühmte Krankenschwestern der Diakonie unter der Schirmherrschaft der Königin selbst;
  • Nikolauspflege, Stiftung von Königin Olga, die bis heute Blinde, Sehbehinderte und Mehrfachbehinderte unterstützt, wobei der Name von Olgas Vater Zar Nikolaus I. stammt;
  • Königin-Olga-Stift, die sich heutzutage von einer reinen Mädchenschule zu einem gemischten Gymnasium entwickelt hat und weiterhin Russisch als dritte Fremdsprache anbietet
  • Russische Kirche in der Stuttgarter Seidenstraße, sie hat jedoch leider die Fertigstellung nicht erlebt.

Zudem hat Olga nach der Heirat viele finanzielle Mittel aus Russland nach Württemberg gebracht, wodurch einige Projekte realisiert werden konnten. Eines der größten Projekte war die Fertigstellung der königlichen Sommerresidenz Villa Berg, die von ihr nach ihren Vorstellungen prunkvoll gestaltet wurde. Zudem sind andere Geschenke Olgas an Württemberg bis heute an vielen Orten zu finden.
Leider blieb die Ehe zur Frustration des königlichen Ehepaars kinderlos. Zusätzlich wurden die homosexuellen Tendenzen des Königs deutlich, was jedoch nicht zu einer vollständigen Zerrüttung der Ehe führte. 1870 adoptierte das Königspaar die Nichte der Königin, Großfürstin Wera Konstantinowna, die spätere Herzogin von Württemberg. Im Oktober 1891 kehrte König Karl von einem Aufenthalt im Schloss Bebenhausen todkrank nach Stuttgart zurück und starb. Ein Jahr später, im Oktober 1892, starb Königin Olga in ihrer geliebten Sommerresidenz in Friedrichshafen am Bodensee und wurde neben ihrem Gemahl in der Gruft der Schlosskirche im Alten Schloss bestattet.